das gepunktete mädchen oder kinder können grausam sein

Selten zuvor hatte das gepunktete Mädchen Geschmack bewiesen. Zumindest nicht in Bezug auf Kleidung. Natürlich konnte es einem erzählen, welches Eis-am-Stiel gerade angesagt war, welche Sorte Lutscher man zuerst probieren sollte, welches Bonbon am süßesten auf der Zunge zerging, und dass langweilige Essgewohnheiten wie Fischstäbchen-mit-Kartoffelbrei im Laufe der Zeit einen Hauch von Ernährungs-Uncoolness verströmten.
Aber Klamotten? Die waren ihr prinzipiell egal. Sie nahm das, was oben auf dem Stapel in ihrem Kleiderschrank lümmelte. Viel zu oft dasselbe und meist nicht besonders passend. Eben heute hatte sie sich für das kreischend grüne T-Shirt mit den viel zu großen weißen Punkten entschieden - XXL-Polka-Dots. Dazu die bordeauxfarbene Cordhose, die Mama so liebte, und die im Sommer manchmal oder eigentlich immer viel zu warm war.
Die dritte Klasse war wahrlich nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Sie tat es trotzdem. Streberin nannten sie die anderen. Wenn die wüssten. Als ob Schule irgendetwas wäre, für das man nach dem Unterricht noch Zeit verschwenden sollte. Viel zu oft saß sie am Nachmittag gedankenverloren in einer Ecke, mit einem Buch auf den Knien, dem Kopf in den Wolken oder sonstwo, viel zu weit weg.
Manchmal traf sie sich mit Nadja und Sabine im Garten von Sabines Eltern. Man spielte Muttervaterkind oder Verstecken. Die Rolle des Kindes war meist die begehrteste, Vatersein war weniger beliebt. Dafür durfte man als Mutter über die Wiese ziehen, lustig aussehende Kräuter pflücken und mit Wasser in einem von Sabines Mutter ausrangierten Topf vermengen. Das Ganze stand dann auf dem imaginären Küchenherd auf dem großen Holzstapel im Garten und man rührte darin herum bis alles ganz pampig und dunkelgrün vor sich hin stank. "Essen ist fertig!" war meist das Stichwort zum Nachhausegehen. Sabines Vater stand dann meist schon ungeduldig in einer Ecke des Gartens, kritisch beäugend, was sie dieses Mal wieder für einen Unfug veranstaltet hätten, und gleich würde er die beiden Nachmittags-Leihkinder, sie und Nadja, zum Gartentor hinauskomplimentieren.
Sabine stotterte ein bisschen und hatte deshalb Probleme in der Schule. Das gepunktete Mädchen war sich sicher, das war nicht der einzige Grund. Sabine war manchmal einfach ein bisschen doof. Aber auch daran gewöhnte man sich.
Sie fuhren morgens oft gemeinsam zur Schule. Meistens war Sabine noch nicht fertig und das gepunktete Mädchen wartete in der Küche von Sabines Eltern. Man hatte ihr irgendwann einmal gesagt, sie solle nicht mehr klingeln, um Sabines Mutter nicht zu wecken. Die Eingangstür war ja offen. Sie hatte einen Sport daraus gemacht, sich im Dunkeln durch den Flur im Erdgeschoss zu tasten ohne die große Blumenvase umzuwerfen, die rechts neben dem Fenster auf dem Boden stand. Oder den Schirmständer. Oder das kleine Telefontischchen. Und dann die Treppe hinauf. Am oberen Ende der Stufen befand sich ein dunkler schwerer Vorhang, der im Winter dazu diente, die Kälte außerhalb des Wohnraums zu halten, und im Sommer meist offen war. Man sah nie ob oben schon Licht brannte und es grenzte ein wenig an Nervenkitzel, sich hinaufzuschleichen und sich bis in die Küche vorzutasten, wo meistens schon die Milch auf dem Herd warm wurde. Eines Morgens war die Küche ebenso dunkel wie der Rest des Hauses. Ein bisschen belustigt, aber auch ein wenig grübelnd, was man denn jetzt tun sollte, weil man konnte ja schließlich nicht einfach so weiterstiefeln in fremde Schlafzimmer, grübelte das gepunktete Mädchen, was denn in einem solchen Fall zu tun sei, als plötzlich Sabines Vater vor ihr stand, sie erschrocken, ein bisschen wütend, ein bisschen verschlafen und erwähnenswerterweise im Schlafanzug(!) anfuhr, was sie denn schon hier mache. "15 Minuten bis zum Unterrichtsbeginn, Herr E.!" Panisch wurde sie auf den Stuhl in der Küche verfrachtet, Sabine wurde geweckt und alles brach in hektisches Gewusel aus während sie selig in sich hinein grinsend durchs Fenster hinaus in die Dunkelheit starrte. Chaotische Familie. Sie hatte immer noch nicht begriffen, warum Sabine sich jeden Tag zur Schule fahren ließ. Dabei waren es doch nur zehn Minuten zu Fuß! Doch so lange wie dieses Kind morgens brauchte, bis es aus den Federn kam, zählte wohl jede Minute, und so ließ sie lieber ihren Vater morgens schwitzen, als sich fünf Minuten eher aus dem Bett zu quälen. Prinzessin auf der Erbse, dachte das gepunktete Mädchen zu regelmäßig immer wiederkehrenden Gelegenheiten. Auch heute. Strähnen hingen ihr aus dem Pferdeschwanz, den sie sich am Morgen gedankenlos zusammengebunden hatte. Während Sabine sich gefühlte drei Stunden die Haare modellierte, war Frisur bei ihr etwas, das nicht lang hielt. So wie ein kleiner Bruder etwas war, das man gern verleugnete. Es war der letzte Schultag vor den großen Ferien. Sie liebte dieses Gefühl von nahenden Abenteuern, vielleicht eine Reise, freie Zeit von morgens bis abends ohne das Eingesperrtsein in dunklen, kühlen Räumen, in denen Kreide über Tafeln kratzte, in denen man die ganze Zeit still sitzen musste.
Sabine war pünktlich heute. Natürlich, es war ja der letzte Tag vor dem langen Sommer, da konnte man sich doch noch einmal etwas anstrengen. "Du, ich muss dir was sagen. Das wird das letzte Mal sein, dass wir gemeinsam zur Schule fahren." Ja, natürlich. Es waren ja Ferien, dann. "Nein, ich meine für immer." Ein bisschen verblüfft, leicht verständnislos schaute das gepunktete Mädchen drein. "Wir werden umziehen. Ich gehe weg. Auf eine andere Schule. In eine andere Stadt. Weg von hier." Was? Wieso? Warum? Betrogen fühlte sie sich, hintergangen. Wieso hatte Sabine die ganze Zeit nichts gesagt? Wie lange wusste sie das schon? Hätte man sie nicht vorwarnen können? Warum so plötzlich? Verlassen. Sitzen gelassen. Sie müsste sich eine neue beste Freundin suchen. Die Nachmittage allein mit Nadja verbringen, in wessen Garten auch immer. Trotzig stand sie auf ohne ein Wort zu sagen, rannte zur Tür hinaus, während Sabines Vater verdutzt auf dem Flur stand und Sabine unverständliche Worte hinter ihr her rief. Allein zur Schule gehen, das konnte sie auch jetzt schon. Wer brauchte schon diese dumme Kuh und ihren dämlichen Vater. Schließlich wusste sie ja, dass Sabine schon immer ein bisschen doof gewesen war. Und eine Erbsenprinzessin. Eigentlich brauchte man die nicht. Und so nahm sie ihre kastenförmige Schultasche auf die Schultern und machte sich auf den Weg. Und die Luft war warm und die Vögel sangen.
Mit Sabine sprach sie nie wieder ein Wort, was ihr später noch manchmal Leid tat. Und so fragt sie sich heute ab und zu wo Sabine jetzt wohnt, oder was sie tut. Doch wenn sie das Leben eins gelehrt hat, dann ist das die Tatsache, dass Menschen kommen und gehen - auch beste Freundinnen.

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zuckerkick - 2. Jul, 17:17
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zuckerkick - 2. Jul, 17:16
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