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ein freitag

Es ist kurz nach 13 Uhr und wir stehen im Stau auf der A9, landkartentechnisch so knapp über München. Zu spät losgekommen. Ein dringendes Meeting, vergessene Reiseutensilien und restalkoholbedingter Heißhunger einiger Reiseteilnehmer ließen uns kurz zuvor noch auf Parkplatzsuche durch die Innenstadt kreiseln um anschließend in einem Fast Food Restaurant ein paar (Mit-)Burger herunterzuwürgen.
Kurz vor Nürnberg der nächste Stau, aber da kennen wir das alles ja schon. Ich habe die Rückbank für mich gepachtet und blättere gelangweilt in einer Ausgabe des "Stern"-Magazins, das ich kurz zuvor mangels Alternativen am Provinzbahnhofskiosk erworben hatte, und frage mich, wann genau die denn die BILD als unerträglichstes regelmäßiges deutsches Presseerzeugnis abgelöst haben.
Pünktlich anzukommen habe ich inzwischen als utopischen Wunschtraum abgeschrieben und kritzele stoisch ein paar Zahlen in das Legasthenikersudoku auf Seite 13, anstatt mich aufzuregen. Wir stauen uns langsam vorbei an Rettungshubschraubern, Feuerwehrleuten, Autoteilen und herrenlosen Schuhen. (Je mehr Zeit man auf Autobahnen zubringt, desto bewusster wird einem die eigene Zerbrechlichkeit.)
Planmäßige Ankunftszeit laut Navigationsgerät 19:02 Uhr. Schon zweiundsechzig Minuten zu spät.
Nach ein paar weiteren ereignislosen Stunden im Auto erreichen wir dann doch noch das gewünschte Ziel, nur um festzustellen, dass Billighotelrezeptionisten keine Emails lesen können und so verbringen wir noch ein paar gefühlte Stunden damit, die Reservierung von einem auf drei Zimmer zu erweitern. Umziehen, kurze kosmetische Sanierungsarbeiten und dann auf ins Taxi. Es sind inzwischen exakt zwei Stunden.
Während der Fahrer scherzt, man solle doch ihm die Schuld in die Schuhe schieben und sich dabei haarsträubend schlechte Geschichten aus den Fingern saugt, die das Lenkrad halten, wäge ich ab, ob wir eigentlich noch "fashionably late" oder schon jenseits von gut und böse sind.
Als wir uns vom Taxi mitten in die Outdoor-Veranstaltung spucken lassen, habe ich seltsamerweise nicht das Gefühl irgendetwas verpasst zu haben. Die Stimmung ist steif wie erwartet und die geschätzten Kollegen haben sich trotz lauer Sommertemperaturen zu Anzug und Krawatte hinreißen lassen, um auch wirklich jedes Klischee zu erfüllen.
Ich trage ein flatterndes ballonförmiges Nachthemd über einer alten Jeans, kombiniert mit ein paar klappernden, glitzernden Accessoires, und hoffe, dass niemandem auffällt, dass kein Teil für sich mehr als 10 Euro wert ist.
Ich kippe zur Begrüßung ein paar Bier hinunter und gebe damit Anlass alte Schauergeschichten über ehemalige Alkoholexzesse aufzuwärmen. "Schläfst du heute wieder vor deiner Haustür, Frau S.?" - "Nein! Quatsch! Das macht sie doch nur im Winter bei mindestens zehn Grad minus." Der Ex-Betreuer reagiert erwartet entrüstet: "Und ich dachte wenigstens SIE würden die Fahne hochhalten!" - "Nein, ich passe mich gern mit Leichtigkeit dem Niveau meiner Umgebung an", muss ich ihn enttäuschen.
Die Zeugnisausgabe gestaltet sich wie erwartet gähnend und ich schüttle ein paar fette, kraftlose Hände und lächle in ein paar zu einem verkrampften Grinsen verzogene Gesichter. Ich bin froh endlich hinauszukommen und erklimme die Treppe hinauf zum Podest, auf dem ich ihn vorhin noch gesehen habe, (jetzt ist er längst weg) und von dem man Ausblick auf den künstlerisch zurechtgestutzten Schlossgarten hat. Es ist ein Abend wie kein anderer, der in seiner Kürze in meiner Erinnerung intensiver verbleibt, als er sich eigentlich anfühlte.
Es ist immer seltsam und ein bisschen schmerzhaft, wenn Dinge zu Ende gehen. Wenn man Menschen zum letzten Mal begegnet... Es ist aber auch immer irgendwie ein bisschen wie neu beginnen.

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