all-tag

Donnerstag, 4. Dezember 2008

türchen no.4

Der Mensch an sich ist ebenso wenig geradlinig wie seine Wege im Leben. Man kennt die Phasen, in denen man nicht weiß, was denn morgen wird. Oder übermorgen. Nichtstun tut weh, aber Perspektivlosigkeit kann in dieser Situation sehr lähmend wirken und nicht immer kommt spontan eine realisierbare Lösung um die Ecke.

Ich hatte diese Phase nach dem Abitur, in der ich nicht wusste wohin denn mit mir. Die landläufige Meinung hieß damals, geh an die Uni, eine stinkige Ausbildung hättest du schließlich auch mit einem weniger qualifizierten Abschluss in weniger Zeit bekommen können, wäre ja Zeitverschwendung. Also ging ich an die Uni. Möglichst nah an Zuhause, mit vielen Bekannten um mich herum, eigenem WG-Zimmer und skurriler Fernbeziehung. Ich merkte ziemlich schnell, das ist nichts für mich. Nicht so, nicht in dieser Umgebung, nicht unter diesen Umständen. Ich fühlte mich allein, durchsichtig, unfähig und grau. Saß immer öfter wieder daheim und schämte mich zuzugeben, dass ich die falsche Entscheidung getroffen hatte. Wie erklärt man das denn Eltern, Verwandten, Bekannten? Besonders Eltern, die der Hoffnung fröhnen, ihr Kind könne doch irgendwann auf eigenen Füßen stehen und es bis dahin tatkräftig (nicht nur) finanziell unterstützen.
Vielleicht liegts ja an der Fachrichtung, wechseln wir doch den Studiengang, dachte ich voller Tatendrang, und gab doch vorsichtshalber meine eigenen vier Wände auf. Wohnen konnte man billiger daheim, auch wenn das bedeutete zu pendeln.
Irgendwann verbrachte ich mehr Zeit in meinem erfüllenden Nebenjob, Regalservice im Supermarkt, als mit irgendetwas, das auch nur ansatzweise nach Studium klang. Ich las das Wort "Scheitern" am Horizont und machte einfach die Augen zu, während daheim der Haussegen immer schiefer rutschte.
Auf Dauer konnte es so nicht weiter gehen und so begann ich mich nach Lehrstellen umzusehen - auch wenn das bedeutete meinen höher qualifizierten Abschluss zu "verschwenden". Einmal irgendwas mit Medien, bitte. Oder irgendwas (handwerklich) Kreatives. Meine Vorstellungen waren derart detailliert, dass ich keinen Zweifel daran hegte, dass meine Bewerbungen durchaus ernstzunehmen waren.
Nach einigen Absagen und einem Gruppenvorstellungsgespräch für eine Ausbildung zur Raumausstatterin bei einem großen schwedischen Möbelhaus, in dem die Mitbewerberinnen, 20 achtzehnjährige Blondinen, hauptsächlich mit Erzählungen von Kindergartenverschönerungsaktionen (pinkglitzernde Schmetterlinge!) punkten konnten, und ich mich fragte, wie ich am schnellsten da heraus käme, dachte ich mir, ich könne ja auch irgendwas mit Computern lernen. Das dachten sich dann auch die zwei Herren im nächsten Assessment Center bei einem großen deutschen Traditionsunternehmen und stellten mich, trotz halbstündiger Verspätung, zeitweiligem Sprachverlust und fehlender Manieren ein. Konnte ich mich direkt im Anschluss noch nicht so wirklich freuen (erster Gedanke: Ach du Schande, was soll ich denn da?), betrachte ich das Ganze jetzt als ultimativen Glücksgriff - vielleicht nicht ausschließlich, aber doch vorrangig für mich.

Warum ich das jetzt hier breit trete? Wahrscheinlich wegen der beunruhigenden Entwicklung im Leben meines Bruders: Hinschmeißen, wieder daheim einziehen, ohne Plan und Überzeugung was Neues anfangen und sich damit einigeln, weil das Eingeständnis eines Fehlers manchmal schwerer fällt, als einfach die Augen zuzumachen, wenn am Horizont ganz groß "Versager" geschrieben steht.
Ich musste mir vielleicht nur kurz vor Augen führen, dass normalerweise alles irgendwie gut wird. Meistens.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

türchen no.3

Merke: An den ungeraden Tagen schneit's, an den geraden taut's.
Ob das Sinn macht und was das für Heiligabend bedeutet, darüber möchte ich im Moment nicht nachdenken. Das ist wie Oma, die am einen Tag für's Weihnachtsessen zusagt, um tags darauf über's Telefon verlauten zu lassen, dass sie es sich anders überlegt hat. Blöde Feiertage.

Daheim sein ist auch deswegen ein so erhebendes Gefühl, weil es einem gern vor Augen führt, wie sehr man doch gebraucht wird. Kannst du mal meinen neuen Rechner einrichten? Kannst du Händchen halten, während ich mein Haustier einschläfern lassen muss? Wieso kommst du eigentlich nicht öfter? - Deswegen.

Ich hab das erste Mal im Leben keinen schokoladenbefüllten Adventskalender für den Weihnachtscountdown und ich warte immer noch auf Post.

Dienstag, 2. Dezember 2008

türchen no.2

Der Schnee ist weg. Was bleibt, sind jede Menge Kekse. Weihnachtsplätzchen um genau zu sein. Drei Stunden und vierzehn Minuten für fünf Tonnen Teigherzen, helle und dunkle, mit und ohne Schokolade. Wolken aus Mehl eingeatmet, die Finger verbrannt, Teig in den Haaren, Staub auf den Klamotten, und ich frage mich einmal mehr, was ich in meinem letzten Leben verbrochen haben muss, damit meine Kreationen nie, nie, wirklich niemals so aussehen wie die Fotos neben den Rezepten in diversen schicken Hochglanzbüchern und -magazinen. Schicksal eben.

Ich warte seit Tagen auf ein Päckchen. Papa meint, er hätte einen Garagenvertrag mit der Post, es könne ja sein... und ich wickle mich in einen Schal und schlürfe über den Hof um offenstehende Fahrradschuppen und ehemalige Hasenställe abzuklappern, in der Hoffnung, der Bote hätte nur die Sache mit der Notiz für den Briefkasten verschwitzt. Hat er aber nicht. Zumindest liegt das nirgends ein Karton mit duftenden Weihnachtsheimlichkeiten. Wahrscheinlich auch Schicksal.

Montag, 1. Dezember 2008

türchen no.1

Morgen wird von ganz allein. Geh mit oder bleib stehen.

Ich stapfe in dünnen Jeans und Turnschuhen durch den frisch gefallenen Schnee. Begegne ein paar Nachbarn, die ich nicht mehr kenne und die sich anschicken, den weißen Matsch von einer auf die andere Straßenseite zu schaufeln.
Als ich im Supermarkt ankomme, sind mir die Menschen zuviel und die Musik zu laut. Ich habe vergessen, was ich eigentlich hier will und die CD, die pausenlos Hits der 80er und 90er aus den Lautsprechern plärrt, hat einen Sprung. My hea... ll go on. Hoffentlich nicht. Ich hätte auch gern so einen blütenförmigen Himbeer-Lutscher wie das dicke Kind vor mir an der Kasse. Die Auslagen bieten leider nur Kaugummies und Zigaretten, und ich bin eingekeilt zwischen eben dem dicken Kind und einem nölenden Rentnerehepaar hinter mir.
Trotte zurück durch die Dunkelheit und vor der Haustür erwartet mich die unzufriedene Katze im Schnee. Wo ich denn so lang gesteckt hätte, die Pfoten hätte sie sich halb erfroren. Ich entschuldige mich pflichtbewusst und biete drinnen eine braune pampige Putenfleischmasse zur Versöhnung an, worüber das blutrünstige Vieh lustvoll herfällt.

Es ist der erste Tag im Dezember und ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Das Jahr neigt sich dem Ende. Veränderung kommt schleichend, kaum wahrnehmbar, aber aufhalten kann ich sie nicht.

Gestern Jackies Biografie verschlungen. Faszinierend wie sich eine komplette Existenz in einem Tag durchleben lässt, auf knapp 400 Seiten. Eine große Frau, auf großen Füßen, mit großem Herzen, großem Einfluss, großem Wissensdrang und großer Stärke. Eine Ironie des Schicksals, dass die Mehrheit der Menschheit sich an sie als die Frau erinnert, die schmuckvoll an Kennedys Seite das Pillbox-Hütchen kultiviert hat. Dabei war sie doch soviel mehr...

Freitag, 21. November 2008

von stürmischen nächten

Seine Finger können einfach nicht an sich halten, weil er sich für so unwiederstehlich hält.

Kino, Kleines? - Von mir aus. Aber das ist alles, was du von mir bekommst. Gesellschaft.

Lass uns noch auf ein Glas Wein zu mir...

Wir fahren durch den Sturm und die Dunkelheit während er seine Frau am Handy belügt... Warum er denn daheim nicht ans Telefon geht... Bin noch in der Arbeit, Schatz. Wie läufts auf der Messe?
Mir wird ein bisschen schlecht, aber ich verdränge dieses Gefühl mit einer Routine, die mir Angst macht.

Und dann lümmeln wir auf der braunen Ledersofalandschaft vor dem Kamin und er ertränkt seinen Frust in Rotwein, weil ich grausames Weibsbild einzig seinem Hund erlaube, den Kopf in meinem Schoß zu parken und mir feuchte Küsse auf die Lippen zu drücken.

Versuche unangenehmstes Schweigen zu unterbinden, bis ich mich in Worten auch nicht mehr wohl fühle.

Du bist schön. - Ich weiß, aber ich dachte auch schon anders. - Du reizt mich. - Ich geh jetzt. - Ich bring dich. - Nicht nötig. - Es regnet.

Ich habe tatsächlich einen Sprachfehler. Ich kann nicht nein sagen. Doch dafür schuf Gott die Türen, die sich so einfach zuschlagen lassen, ohne dem anderen ins Gesicht sehen zu müssen.

Donnerstag, 20. November 2008

von männern und lurchen

Es gibt Frösche, denen muss man nur über die Straße helfen.

Und es gibt andere, die muss man treten und beißen, bis sie sich küssen lassen und sich vielleicht irgendwann zu echten Prinzen wandeln.

Dienstag, 18. November 2008

die sache mit dem winter

Schlafen immer nur schlafen. Hielt sieben schon für acht und suchte diverse Entschuldigungen schon zu Bett gehen zu dürfen. Die schleichende Kälte macht mich müde. Oder ist es die Müdigkeit, die mir kalt werden lässt?

Dienstag, 11. November 2008

die sache mit den kollegen

Die letzte Prüfungssituation nächstes Jahr, Frau S.! Ich hoffe du freust dich! - Ich will ansetzen zu einem So ein Scheiß! Jeder verdammte Tag in deinem Leben, in meinem Leben ist eine Prüfung! und beiße mir rechtzeitig auf die Zunge. Niemand mag altkluge Naseweise.

Und wenn die Herren mit denen ich ein Büro teile, mal nicht da sind, lässt es sich
entweder besonders gut arbeiten oder besonders schlecht.

Heute ist so ein Tag da geht es einfach besonders schlecht.

Man starrt dann stundenlang an die Decke auf der Suche nach... weiß man eben
nicht so genau. Und dann sucht man vergeblich die bequemste Position auf dem Bürostuhl, die man nie finden wird, weil es sie einfach nicht gibt.

Und irgendwie muss man versuchen die furchtbar lange Zeit zwischen den Kaffeepausen
zu überbrücken, und eigentlich sollte man lieber nach Hause gehen, weil an Produktivität nicht zu denken ist.
Aber dann stecken die Menschen aus den anderen Büros wieder die Köpfe auf den Flur und wundern sich, weil sie für einen kurzen Moment ihre eigene Wichtigkeit geringer schätzen als den Neid nach freier Zeit. Wollen wir tauschen, frage ich dann, dein Wissen gegen meine Freizeit? - und ernte feindseliges Grummeln, weil sich doch tatsächlich immer irgendeiner gekränkt fühlt von soviel vorlauter Naivität.
Wo doch sowieso gerade kalter Krieg herrscht. Aber auch das geht vorbei und bald ist Weihnachten. Das Fest der Liebe.

Vergiss nicht ihren Geburtstag am Freitag, Jo. Man soll Schnapszahlen feiern. So wie alle anderen auch.

Montag, 10. November 2008

verkehrt

Verkehrt ist das einzig treffende Wort für Tage wie heute. Tage, an denen man zur Tür raustritt und sich sicher ist, man hat irgendwas vergessen, die Unterwäsche verkehrt herum angezogen oder man ist eigentlich noch im Schlafanzug und merkt es nicht, man fühlt sich als würde man in Pantoffeln zur Arbeit gehen und stünde kurz davor, dass alle einen auslachen. Irgendsowas eben.
Vielleicht ist es aber auch nur das schmerzhafte Bewusstwerden, dass Oma jetzt jeden zweiten Tag anruft, wegen der tollen neuen Flatrate. Oder dass das der wärmste und sonnigste Kurzbevorwinter ist, den man sich nur vorstellen kann. Erderhitzung und so. Verkehrt eben.

Und du.
Du siehst aus als hätten deine Haare gestern nacht eine Party gefeiert. Ohne dich, Jo.
Ich muss nicht anmerken, wie unendlich attraktiv ich das finde.
Und doch geh ich lieber zurück zu meinen Buchstaben und den quälend zähen Gedanken, die ich noch irgendwie zu Bildschirm bringen muss. Man nennt es ja nicht zum Spaß Arbeit.

Sonntag, 9. November 2008

moin

Wenn man im zarten Alter von 25 noch Bands für sich entdecken darf, deren historische Bedeutung schon im Namen mitschreitschwingt, ist das wie das aktuelle Wetter draußen: extrem erhellend.
Mit deren Klängen dann einen Sonntag begrüßen, der sonniger nicht werden könnte, dabei Kaffee schlürfen und die Gesichtsschlammmaske genüsslich vom Gesicht auf die Oberschenkel bröckeln lassen, weil das einfach sehr egal ist, der Staubsauger steht ja da drüben, dann den Browser öffnen, weil der ist wie ein morgendlicher Gesprächspartner, der vermag ohne viele Worte mitzuteilen, was man sich denn gestern Nacht noch so reingezogen... Aha, durch die Nacht mit... Heinzer und Eytschpie. Und sich dann noch kurz daran erinnern, dass viel zu viel geraucht wurde, und die eigentlich zu fünfzig Prozent sehr vielversprechende Kombination doch auf weiten Strecken langweilte.
Blöd nur, dass man fast ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man jetzt ursprünglichen Sonntagsplänen folgt und sich mit einer Decke und dem aktuellen Lieblingsbuch in den Untiefen des Sofas vergräbt, weil da garantiert ein Sonnenstrahl zum Fenster reinplatzt, der einen in den Arsch tritt.
Aber vielleicht fängts ja noch an zu regnen oder so...

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