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g'schichten

Montag, 4. August 2008

funktionsstörung

Sie war sich sicher, dass Odessa am Schwarzen Meer lag, obschon sie nie dagewesen war. Ganz bestimmt.
"Und jetzt füllen Sie bitte diesen Vordruck mit ihrer Antwort auf die Aufgabe Einspunktzwei!" - "Tut mir Leid, ich kann das nicht. Das ist mir zu trivial, Herr Seminarleiter."- "Mir ist das egal, aber wenn Sie das in der Prüfung auch so sehen, kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen, Herr B."
Odessa... das klang wie diese Sauerkrautsorte in Dosen im Supermarkt. Genau, einkaufen musste sie auch noch. Wovon sprachen die eigentlich? Und wie, zur Hölle, kam dieser Ort in ihren Kopf?
"Frau... Ach jetzt hab ich Ihren Namen vergessen..." - "Frau S." - "Achja, Frau S... Wären Sie so nett uns die Aufgabenlösung vorzustellen?" - "Nein, tut mir Leid, das geht nicht. Ich habe mich gerade gedanklich eingehend mit komplexen geografischen Problemen befasst und war somit nicht in der Lage..." Autsch. Könnte jemals ein Mensch sie verständnisloser anschauen als dieser gerade eben jetzt? Zweifellos. Doch sein Maß an zur Schau gesteller Verständnislosigkeit war schon recht rekordverdächtig.
"Ich verstehe euch junge Menschen nicht! Da sind Sie schon hier, um etwas zu lernen, aber die Motivation scheinen Sie daheim vergessen zu haben!"
Sein kahles Haupt sah ein bisschen aus wie die Spitze eines Penis während sich sein unförmiger Körper in wackelnden Bewegungen um die Seminartische schob. Hobbycholeriker mit Taschenuhr. Ein seltsames Männchen, von dem sie sich täglich aufs Neue fragte, was ihn so zerstört hatte. Eine Frau? Sein Pessimismus? Seine ewige Unzufriedenheit mit Allem?
"Frau S.! Jetzt lassen Sie das doch mal bitte! Diese ewigen Tagträume! Sie könnten zumindest so tun, als würden Sie mir zuhören!" Sie gluckste ein bisschen vor sich hin, grinste ihn frech an und schwor sofortige Besserung, so dass er ein mildes Lächeln kaum unterdrücken konnte.
"Hmpf. Ist sowieso Zeit für ne Mittagspause. Verschwinden Sie aus meinem Seminarraum! Aber seien Sie bloß pünktlich wieder da!"

Diese elend langen Gänge. Grau in grau. So musste man sich in einem Gefängnis fühlen. Fenster gab es nur zum Durchschauen, nicht zum Öffnen. Die Sonne schien nie so hell wie draußen durch die getönten Scheiben der Großraumbüros, wenn sie denn Fenster besaßen. Sie fühlte sich unwillkürlich an ihre Karriere im Supermarkt im Kellergeschoss eines Einkaufszentrums erinnert. Man erriet das Wetter draußen regelmäßig durch das Erscheinungsbild der Kunden. Tropfende Schirme oder ärmellose Tops und kurze Hosen. Schwerste Detektivarbeit.
"Sissi, was gibts zum Essen?" - "Hm?" - "Ach Gott, das darf ja nicht wahr sein! Du träumst ja sogar in den Pausen!" - "Tschuldigung. Ist ein Geburtsfehler."

Donnerstag, 24. Juli 2008

two against the world

Es war eine dieser düsteren Novembernächte, in denen die Ahnung von Winter in jedem Windstoß mitschwingt und das Atmen schmerzt. Eine dieser Nächte in denen kleine Eiskristalle auf schwarzen Asphalt glitzern als hätte jemand ein paar Sterne gewaltsam vom Himmel gerissen und auf der Straße zerschmettert.
Fröstelnd stand ich wartend unter dem grellen Lichtkegel der Laterne. Konnte die Scheinwerfer seines Wagens schon in der Ferne durch den Nebel erkennen, sich vorsichtig nähernd. Ich sah ihn hinterm Steuer sitzen mit seinem selbstzufriedenen, welterfahrenen Lächeln, so verdammt unerschütterlich, dass ich nichts lieber getan hätte, als es zu erschüttern. Doch dazu brauchte es mich gar nicht. Nicht an jenem Abend.
Er parkte ein, wenige Zentimeter neben mir, stieß vorsichtig die Tür auf, stieg aus und zog routiniert den hässlichen Pullover glatt, der ihm wieder einmal unförmig am Körper klebte. Gab mir seine warme Hand als Austausch für meine Eiskalte. Ich schwöre, ich konnte Dampf aufsteigen sehen von seinen Schultern, wie die kleinen Wölkchen, die sein Atem in dieser eiskalten Nachtluft produzierte, während er mir eine jahrelang geübte Grußformel entgegenflüsterte.
"Lass uns einsteigen. Ich erfriere." erwiderte ich und kurz darauf rollten wir mit mir am Steuer gemächlich die Landstraße entlang. Sein silberfarbener Kleinwagen, eine dumpfe Kiste mit unseren Gedanken drin.
Wir sprachen nicht viel, denn das taten wir nie. Eher bemühte Konversation über Gott und die Welt, und das Wetter vielleicht. Er erzählte von seiner Frau ab und zu, nie von seinem Sohn. Das wunderte mich. Ich erzählte von der Arbeit, oder von einer der Vorlesungen in
denen ich nie gewesen war, von Familienfesten und Kindheitserinnerungen. Das übliche eben.
Wir passierten das Ortsausgangsschild an diesem Abend. Die Straßenbegrenzer reflektierten das Licht unserer Scheinwerfer, so wie sie es widerstandslos mit allem taten, was sie anleuchtete.
Als wir die Kuppel hinter uns gelassen hatten, sah ich es. Eine Rauchsäule, die vom Straßenrand aufstieg, ein paarhundert Meter vor uns. Ich ließ uns bergab rollen, bis sich vor uns schon einige andere PKWs stauten. Ein Blick nach rechts und ich sah etwas unförmiges gelbmetallisches an einem der Alleebäume kleben. Beim ersten Blick hätte man es für ein Autoteil halten können. Beim zweiten hätte man es vielleicht als das zusammengedrückte Heck eines VW Golfs identifizieren können.
"Bleib hier sitzen!" befahl er und stieg aus und bevor ich protestieren konnte, war er draußen in der Dunkelheit verschwunden. So wartete ich, während tausend wilde Phantasien begannen meinen Kopf zu bevölkern. Über das, was passiert war, Angst vor dem, was meinem Blick verborgen blieb, Ungeduld.
Gleißendes Licht auf der Gegenspur von den Scheinwerfern des LKWs, der dort zum Stehen gekommen war, kurz vor uns. Ich konnte nichts erkennen, außer diesem Licht und der Dunkelheit um mich herum.
Er kam schnaufend zurück nach einer gefühlten Ewigkeit mit einem Gesicht voll von Schock, ließ die Tür hinter sich zufallen und meinte nur "Fahr." Ich wollte nicht fahren. Warum? Wohin? Was war passiert? "Fahr, bevor sie die Straße sperren! Ich hab keine Lust die ganze Nacht hier herum zu stehen!"
Mit zitternden Händen startete ich den Wagen. Und fuhr los. Schwenkte ein auf die Gegenfahrbahn um die immer noch stehenden PKWs vor mir zu passieren. Ein Meer aus Scherben mitten auf der Fahrbahn. "Du willst nicht ernsthaft, dass ich da durch fahre?" - "Mach jetzt! Und schau bloß nicht zur Seite!" Was er sich dabei gedacht hatte, weiß der Teufel. Das war wie eine Aufforderung genau das Gegenteil zu tun. Und dann sah ich sie dort liegen. Nein, eigentlich sah ich sie nicht, ich sah nur zwei Paar Füße und ahnte zwei Körper über denen aufgeregte Helfer knieten und Reanimation versuchten. Ein paar Meter weiter irgendwo mitten im Feld der vordere Teil vom Auto. Ein gelbmetallisches Knäuel, ähnlich dem ersten.
Ich erinnerte mich, wie der Golf uns wenige Minuten zuvor überholt hatte. Übermütige Halbstarke, hatte ich noch gedacht.
Verdammt. Jetzt bloß keine Schwäche zeigen. Mit stur nach vorn gerichtetem Blick verschwanden wir in die Dunkelheit und ließen den Ort der Katastrophe hinter uns. Den Ort, über dem meine Gedanken noch lange kreisen sollten.

Ein paar Tage später, die Todesanzeige in der Lokalzeitung. Ein Pärchen. Er 18, sie zarte 16. Mit Foto.
Eingebrannt in mein Gedächtnis wie das Brandloch einer Zigarette in der Lieblingsbluse.

Sonntag, 22. Juni 2008

richard

Richard - was für ein tonnenschwerer Name lastend auf den Schultern eines so kleinen Menschen, beladen mit dem klingenden Erbe von Königen, Helden und Intriganten. Richard geht in die 1b der Grund- und Teilhauptschule St. Wolkenbruch.

Richard ist ein bisschen pummelig und trägt einen dieser furchtbar hässlichen Topfschnitte, den man Kindern aus Mangel an Ideen manchmal verpasst. "Nehmen Sie doch den großen da, mit den Henkeln! Immer rauf auf den Kopf und einmal mit der Schere rum, bitte!" mag seine Mutter der Dame im Friseursalon zugerufen haben, bevor sie kurz nebenan im Supermarkt verschwand um die Einkäufe zu erledigen, während Klein-Richard gar nicht wusste wie ihm geschah. Und dann stand er da, das blonde Haar zur Eisenherzschen Kappe gestutzt.

Richard ist der Klassenstreber. Wenn man ihm die Brille klaut, ist er blind wie ein Maulwurf. Die anderen Kinder wissen das - und sie klauen seine Brille mit Vorliebe.
Richard redet lieber mit Erwachsenen, denn die wissen soviel mehr. Wenn man Richard etwas erklärt, bekommt er dieses Leuchten in seinen kleinen blauen Augen. Die Räder in seinem kleinen Kopf beginnen sich zu drehen. Es rattert und raucht und dann will er ausprobieren und auch mal diese oder jene Tasten drücken um zu sehen, was passiert. Schenkt man ihm ein Buch, dann hält er es behutsam wie einen Schatz in seinen kleinen knubbeligen Händen mit den viel zu kurzen Fingern. Nein, ein Klavierspieler wird er nie werden, der Richard. Wissenschaftler schon eher.

Aber schüchtern ist er nicht, der Richard. Überzeugt erklärt er mir seine Empörung darüber, dass gewisse Dinge nicht so funktionieren, wie er sich das gedacht hatte. Meinen Namen weiß er nicht. Mein nett gemeintes "Nenn mich Sissi. Das tun hier alle." stellt ihn nicht zufrieden. Schnurstracks geht er auf mich zu und zerrt an meinem Mitarbeiterausweis, der mir vergessen an der Hüfte baumelt. "Frau S. Aha. Werd ich mir merken."
Und dann lässt er mich stehen, ganz verdutzt und verschwindet mitsamt seinem schelmischen Grinsen durch die Tür auf den Flur zu den anderen Kindern - und lässt sich die Brille klauen.

Richard. Aha. Werd ich mir merken.

Sonntag, 4. Mai 2008

das gepunktete mädchen oder kinder können grausam sein

Selten zuvor hatte das gepunktete Mädchen Geschmack bewiesen. Zumindest nicht in Bezug auf Kleidung. Natürlich konnte es einem erzählen, welches Eis-am-Stiel gerade angesagt war, welche Sorte Lutscher man zuerst probieren sollte, welches Bonbon am süßesten auf der Zunge zerging, und dass langweilige Essgewohnheiten wie Fischstäbchen-mit-Kartoffelbrei im Laufe der Zeit einen Hauch von Ernährungs-Uncoolness verströmten.
Aber Klamotten? Die waren ihr prinzipiell egal. Sie nahm das, was oben auf dem Stapel in ihrem Kleiderschrank lümmelte. Viel zu oft dasselbe und meist nicht besonders passend. Eben heute hatte sie sich für das kreischend grüne T-Shirt mit den viel zu großen weißen Punkten entschieden - XXL-Polka-Dots. Dazu die bordeauxfarbene Cordhose, die Mama so liebte, und die im Sommer manchmal oder eigentlich immer viel zu warm war.
Die dritte Klasse war wahrlich nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Sie tat es trotzdem. Streberin nannten sie die anderen. Wenn die wüssten. Als ob Schule irgendetwas wäre, für das man nach dem Unterricht noch Zeit verschwenden sollte. Viel zu oft saß sie am Nachmittag gedankenverloren in einer Ecke, mit einem Buch auf den Knien, dem Kopf in den Wolken oder sonstwo, viel zu weit weg.
Manchmal traf sie sich mit Nadja und Sabine im Garten von Sabines Eltern. Man spielte Muttervaterkind oder Verstecken. Die Rolle des Kindes war meist die begehrteste, Vatersein war weniger beliebt. Dafür durfte man als Mutter über die Wiese ziehen, lustig aussehende Kräuter pflücken und mit Wasser in einem von Sabines Mutter ausrangierten Topf vermengen. Das Ganze stand dann auf dem imaginären Küchenherd auf dem großen Holzstapel im Garten und man rührte darin herum bis alles ganz pampig und dunkelgrün vor sich hin stank. "Essen ist fertig!" war meist das Stichwort zum Nachhausegehen. Sabines Vater stand dann meist schon ungeduldig in einer Ecke des Gartens, kritisch beäugend, was sie dieses Mal wieder für einen Unfug veranstaltet hätten, und gleich würde er die beiden Nachmittags-Leihkinder, sie und Nadja, zum Gartentor hinauskomplimentieren.
Sabine stotterte ein bisschen und hatte deshalb Probleme in der Schule. Das gepunktete Mädchen war sich sicher, das war nicht der einzige Grund. Sabine war manchmal einfach ein bisschen doof. Aber auch daran gewöhnte man sich.
Sie fuhren morgens oft gemeinsam zur Schule. Meistens war Sabine noch nicht fertig und das gepunktete Mädchen wartete in der Küche von Sabines Eltern. Man hatte ihr irgendwann einmal gesagt, sie solle nicht mehr klingeln, um Sabines Mutter nicht zu wecken. Die Eingangstür war ja offen. Sie hatte einen Sport daraus gemacht, sich im Dunkeln durch den Flur im Erdgeschoss zu tasten ohne die große Blumenvase umzuwerfen, die rechts neben dem Fenster auf dem Boden stand. Oder den Schirmständer. Oder das kleine Telefontischchen. Und dann die Treppe hinauf. Am oberen Ende der Stufen befand sich ein dunkler schwerer Vorhang, der im Winter dazu diente, die Kälte außerhalb des Wohnraums zu halten, und im Sommer meist offen war. Man sah nie ob oben schon Licht brannte und es grenzte ein wenig an Nervenkitzel, sich hinaufzuschleichen und sich bis in die Küche vorzutasten, wo meistens schon die Milch auf dem Herd warm wurde. Eines Morgens war die Küche ebenso dunkel wie der Rest des Hauses. Ein bisschen belustigt, aber auch ein wenig grübelnd, was man denn jetzt tun sollte, weil man konnte ja schließlich nicht einfach so weiterstiefeln in fremde Schlafzimmer, grübelte das gepunktete Mädchen, was denn in einem solchen Fall zu tun sei, als plötzlich Sabines Vater vor ihr stand, sie erschrocken, ein bisschen wütend, ein bisschen verschlafen und erwähnenswerterweise im Schlafanzug(!) anfuhr, was sie denn schon hier mache. "15 Minuten bis zum Unterrichtsbeginn, Herr E.!" Panisch wurde sie auf den Stuhl in der Küche verfrachtet, Sabine wurde geweckt und alles brach in hektisches Gewusel aus während sie selig in sich hinein grinsend durchs Fenster hinaus in die Dunkelheit starrte. Chaotische Familie. Sie hatte immer noch nicht begriffen, warum Sabine sich jeden Tag zur Schule fahren ließ. Dabei waren es doch nur zehn Minuten zu Fuß! Doch so lange wie dieses Kind morgens brauchte, bis es aus den Federn kam, zählte wohl jede Minute, und so ließ sie lieber ihren Vater morgens schwitzen, als sich fünf Minuten eher aus dem Bett zu quälen. Prinzessin auf der Erbse, dachte das gepunktete Mädchen zu regelmäßig immer wiederkehrenden Gelegenheiten. Auch heute. Strähnen hingen ihr aus dem Pferdeschwanz, den sie sich am Morgen gedankenlos zusammengebunden hatte. Während Sabine sich gefühlte drei Stunden die Haare modellierte, war Frisur bei ihr etwas, das nicht lang hielt. So wie ein kleiner Bruder etwas war, das man gern verleugnete. Es war der letzte Schultag vor den großen Ferien. Sie liebte dieses Gefühl von nahenden Abenteuern, vielleicht eine Reise, freie Zeit von morgens bis abends ohne das Eingesperrtsein in dunklen, kühlen Räumen, in denen Kreide über Tafeln kratzte, in denen man die ganze Zeit still sitzen musste.
Sabine war pünktlich heute. Natürlich, es war ja der letzte Tag vor dem langen Sommer, da konnte man sich doch noch einmal etwas anstrengen. "Du, ich muss dir was sagen. Das wird das letzte Mal sein, dass wir gemeinsam zur Schule fahren." Ja, natürlich. Es waren ja Ferien, dann. "Nein, ich meine für immer." Ein bisschen verblüfft, leicht verständnislos schaute das gepunktete Mädchen drein. "Wir werden umziehen. Ich gehe weg. Auf eine andere Schule. In eine andere Stadt. Weg von hier." Was? Wieso? Warum? Betrogen fühlte sie sich, hintergangen. Wieso hatte Sabine die ganze Zeit nichts gesagt? Wie lange wusste sie das schon? Hätte man sie nicht vorwarnen können? Warum so plötzlich? Verlassen. Sitzen gelassen. Sie müsste sich eine neue beste Freundin suchen. Die Nachmittage allein mit Nadja verbringen, in wessen Garten auch immer. Trotzig stand sie auf ohne ein Wort zu sagen, rannte zur Tür hinaus, während Sabines Vater verdutzt auf dem Flur stand und Sabine unverständliche Worte hinter ihr her rief. Allein zur Schule gehen, das konnte sie auch jetzt schon. Wer brauchte schon diese dumme Kuh und ihren dämlichen Vater. Schließlich wusste sie ja, dass Sabine schon immer ein bisschen doof gewesen war. Und eine Erbsenprinzessin. Eigentlich brauchte man die nicht. Und so nahm sie ihre kastenförmige Schultasche auf die Schultern und machte sich auf den Weg. Und die Luft war warm und die Vögel sangen.
Mit Sabine sprach sie nie wieder ein Wort, was ihr später noch manchmal Leid tat. Und so fragt sie sich heute ab und zu wo Sabine jetzt wohnt, oder was sie tut. Doch wenn sie das Leben eins gelehrt hat, dann ist das die Tatsache, dass Menschen kommen und gehen - auch beste Freundinnen.

Dienstag, 18. März 2008

energiespargefühle

Sie schaltet das Licht an. Der Raum erhellt sich und sie greift schnell nach ihrer Brieftasche auf dem niedrigen Couchtisch in der Mitte des Zimmers. Beim Hinausgehen betätigt sie den Schalter noch einmal und alles hinter ihr versinkt wieder in Dunkelheit.

Wenn andere Dinge doch auch so simpel wären. Ein, aus, ein, aus, denkt sie sich.
"Gefühle sind keine Glühbirnen, Schätzchen!" tönt es aus der Küche. Verdammt, schon wieder zu laut gedacht. - "Ich weiß! Aber sie gehen genauso schnell kaputt, wenn man sie zu fest drückt. Und kleine Splitter davon bohren sich in deine Haut, machen, dass sie blutet und hinterlassen hässliche Narben... Wenn man aber darauf wartet, dass sie endlich den Geist aufgeben, weil man gern neue hätte, dann halten sie unglaublich lang. Viel zu lang. Besonders diese Energiesparteile." - "Energiespargefühle?" - "Naja, Gefühle auf Sparflamme."

Schon wieder so seltsame Gespräche am Morgen. Kopfschüttelnd reibt sie sich den Rest Schlaf aus den Augen und nippt an ihrem immer noch viel zu heißen Kaffee.

Was der Tag wohl bringen mag?

Mittwoch, 13. Februar 2008

der unfehlbare gorilla

Bis ins Tal hört man ihn brüllen. Er ist einer der Ältesten des Stammes - nein, der Älteste sogar.
Er blickt hinab auf den Rest der Sippe. Keiner kann ihm gleich kommen; keiner ist so weise, so erfahren, so redegewandt. Sein Revier ist der Dschungel und so hangelt er sich von Tag zu Tag. Nur allzu gern würde er ausbrechen, denn er weiß, er ist zu Höherem bestimmt. Tief im Inneren verachtet er sie, sie, die Woche um Woche mit ihm ums Überleben kämpfen. Widerwillig vereint er sich mit ihnen, um Wege durch den Wald zu bahnen - ist er doch ein Einzelkämpfer.
Nur Anerkennung braucht er wie die Luft zum Atmen. Bleibt sein Ego ungenährt, schlägt sich das nieder auf den eigentlich so stark gebauten Körper. Sein Geist ist wach, seine Muskeln gespannt, doch seine Seele ist so verletzlich, wie eine Seele nur sein kann.

Sie ertragen ihn, weil sie es müssen. Sie rotten sich zusammen in kleinen Grüppchen und schmieden Pläne um ihn loszuwerden. Sie verachten ihn. Dieser alte Dummschwätzer! Wieso geht er nicht aufrecht und zieht zu den Menschen? Wieso geht er nicht endlich, wenn er sich denn zu Höherem berufen fühlt? Warum müssen sie weiter hinnehmen, dass er neben ihnen auf seinem Thron hockt und sich aufführt wie ihr Häuptling? Kämen sie doch ohne ihn viel müheloser zurecht!

Er wartet. Er kann das aussitzen. Eines Tages werden sie erkennen, was in ihm steckt. Eines Tages werden sie wirklich zu ihm aufschauen. Sie werden ihm an den Fußsohlen kleben, an den Rockschößen hängen und ihn anflehen. Eines Tages...
Doch Stunde um Stunde wird es schwerer. Nun, da selbst die Pantherin ihn enttäuscht. Unzuverlässig nannte sie ihn. Unzuverlässig! Ihn! Ihn! Nie wird er ihr dies verzeihen. Nie!
Sie kennt ihn nicht. Niemand kennt ihn! Niemand!

Und sie kennt ihn doch. Leise schleicht sie auf Samtpfoten durchs Geschehen und beobachtet, was sonst keiner sieht - er am Wenigsten: die unendliche Einsamkeit, die ihn umgibt.

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