Durch meterhohen Schnee gestapft. Dachte, es würde langsam Frühling. Hatte mich wohl getäuscht. Am Fuße der Alpen sieht die Welt immer noch mal ein bisschen anders aus, als aus der Ferne.
Die Freakshow am Abend. Hatte noch nie ein Hobby, das mir zum einzigen Lebensinhalt gereichte. Wird sich auch nicht mehr ändern. Merke wieder einmal wie suspekt mir diese Menschen sind, als sich eine Meute auf die Gratis-Gabe an Plastikdosen stürzt. (Nein, keine Tupperparty.) Tischnachbarn. "Wir machen das jetzt seit füüüünfeinhalb Jahren!" Das ist wie Briefmarkensammeln. Oder Münzen. Oder Taschenuhren. Nur verschärfter. Irgendwann sammelt man keine Objekte mehr. Irgendwann sammelt man nur noch des Sammelns wegen und aus Gründen des Schwanzvergleichs.
Manchmal frage ich mich, wie das ist, wenn man sein Leben um eine Sache herum aufbaut. Oder um einen Menschen.
Viele Beziehungen wären leichter zu führen, wenn wir in der Lage wären Erwartungen klarer zu artikulieren.
"Wenn ich einen Freund habe", sagt sie, "dann soll er mir keine roten Rosen schenken. Ich hätte lieber weiße Lilien."
Wie soll man denn eine Emanzipation vorantreiben, die in den Köpfen vieler Frauen einfach nicht existiert? Wir fordern Freiheit und Gleichstellung und gleichzeitig Männer, die romantischen Vorstellungen aus längst vergangenen Zeiten ähneln. Und nebenbei Geschirr spülen und ihre Hemden selbstständig bügeln.
Und wenn ich Männer zum Valentinstag mit Plastikblumen an der Tankstellenkasse stehen sehe, frage ich mich, ob das tatsächlich die Art von Aufmerksamkeit ist, die frau gerne hätte.
Und irgendwie denkt man, man wäre anders als die anderen, weil man grüne Leggins unter Netzstrumpfhosen trägt, weil die Haare nie wirklich liegen, weil man viel zu viel lacht, weil man sich nicht versteht, weil man sich nicht entscheiden kann und auch nicht will und das für völlig akzeptabel hält, weil man gern perfekt wäre, perfekter als der Rest der Welt, weil man Fehler ungern macht, weil man nicht auf andere angewiesen sein will, weil man sich Schwäche zwar eingestehen aber nicht damit umgehen kann, weil man lieber Google fragt, als den Menschen neben einem, weil man zu viel weiß und doch zu wenig, weil man nicht mehr weiß, wo der Anfang war und weil man das Ende nicht sieht, weil einen das Chaos beherrscht, weil man Dinge am liebsten in der Mitte beginnt, am Ende weitermacht, nur um zum Schluss am Anfang zu enden, weil man manchmal anfängt zu singen und sich zu drehen, weil man zeitweise gern den Verstand verliert, um ihn am nächsten Morgen wiederzufinden, zerknüllt unter dem Bett, weil man nicht zugeben mag, dass das Leben den größten Teil der Zeit einfach keinen Spaß macht, weil man es sich mit Absicht schwer macht, unterbewusst, weil man nicht stehenbleiben kann, weil man Bewegung liebt, aber aus Prinzip langsam ist.
Aber wissen kann man das nicht, weil man ja nur sich selbst am besten kennt.
"Den Code verloren, wo soll ich hin,
mit all den Farben, die ich bin?"
(Quarks - Allein)
Ich sehe dich an, Jo, und weiß überhaupt nicht, wen ich da eigentlich sehe. Und dann sehe ich ihn an und weiß genau wen ich sehe. Den Schatten, den Verfolger. Und ich will nur noch laufen, ganz weit fort, immer ganz weit fort, von dir und ihm und allem. Ich will Gedanken amputieren, Erinnerungen auslöschen.
Es ist wie die Sache mit dem Murmeltier. Du denkst dir morgen wird alles anders, so anders, ganz anders. Morgen, ja morgen wird sich endlich die Welt verändern. Der Schmerz wird weniger werden und die Übelkeit, der Widerwillen und diese ganze verfickte Scheiße. Verzeihung. Fluchen befreit. Und dann fällt dir auf, dass jeder Tag ist wie der andere, dass sich einfach nichts ändert, wenn du selbst nichts änderst. Und es festigt sich der Wunsch, der Wunsch nach der Ferne, der Wunsch einfach zu gehen. Fünf Monate noch. Kurze fünf Monate. Lange fünf Monate.
Ich wäre ja blöd zu verzichten, würden sie sagen. Die Übernahmegarantie, das gute Geld, die sichere Zukunft. Ganz von vorne anfangen in einer fremden Stadt, komplett allein. Allein. Allein. Immer allein...
Diagnose: chronische Verliebtheit in Unmöglichkeiten.
Therapiemöglichkeiten: derzeit keine.
Und Genickschmerzen wandern jetzt in die Mundhöhlen gen irgendwelchen Zahnwurzeln, während die rechte Gehirnhälfte hämmert. Da hilft es sich einfach mal vorzustellen, wie der Kopf explodiert und die Schädeldecke in den Himmel fliegt.
Das Horoskop für Januar hingegen prophezeit berufliche Höhenflüge und einen seichten Geldregen. Notiz an mich: Lottoschein ausfüllen.
Der Beginn eines neuen Jahres ist oftmals die Zeit für Rückblicke auf das Vergangene, wie sich derzeit nicht nur in der Blogosphäre feststellen lässt.
Ich schließe mich da eher ungern an, weil vorbei eben vorbei ist. Der Vollständigkeit halber halte ich aber kurz fest, dass sich zwar meine Haarfarbe geändert hat, von blond zu irgendetwas Braunem mit rötlichem Mahagonischimmer (oder wie auch immer die Leute das nennen, die sich Namen für Haarfärbeprodukte ausdenken), aber die Länge gleich geblieben ist. Mein Gewicht hat weder signifikant zu- noch abgenommen. Ich habe zu viel Zeit mit Menschen verbracht, mit denen ich gern weniger Zeit verbringen würde, und zu wenig Zeit mit Menschen, mit denen ich gern mehr Zeit verbringen würde. Daran gewöhnt man sich nicht, aber in guten Momenten kommt man irgendwie damit zurecht. Eigentlich hat sich nichts verändert. Uneigentlich bin ich ein Jahr älter aber in keinem Fall weiser geworden. Ich bin einem Ende und somit auch einem Anfang wieder ein Stück näher. Ich bin genauso verliebt wie schon seit gut zwei Jahren und immer noch genauso unglücklich.
Nein, es hat sich tatsächlich nicht viel verändert. Es war eben einfach ein Jahr zum Abhaken.