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Samstag, 6. September 2008

zitiert #7

"Irgendwann vor langer Zeit horchte der Mensch verwundert auf die regelmäßigen Schläge in seiner Brust, ohne zu ahnen, was dies bedeutete. Er konnte sich nicht mit etwas so Fremdem und Unbekanntem wie einem Körper identifizieren. Der Körper war ein Käfig, und in seinem Inneren gab es etwas, das sah, hörte, sich fürchtete, dachte und sich wunderte; dieses Etwas, dieser Rest, der nach Abzug des Körpers übrigblieb, war die Seele.
[...]
Seit der Mensch alles an seinem Körper benennen kann, beunruhigt ihn der Körper weniger. Wir wissen auch, dass die Seele nichts anderes ist als die Tätigkeit der grauen Gehirnmasse. Die Dualität von Körper und Seele wurde in wissenschaftliche Begriffe gehüllt. Heute ist sie ein überholtes Vorurteil, und wir können fröhlich darüber lachen.
Man braucht aber nur bis über beide Ohren verliebt zu sein und seine Därme rumoren zu hören, und schon zerrinnt die Einheit von Körper und Seele, diese lyrische Illusion des wissenschaftlichen Zeitalters."


Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Mittwoch, 16. Juli 2008

zitiert #6

„Insgeheim wächst in jeder blinden, kopflosen Verliebtheit der Hass auf den Geliebten, der den einzigen Schlüssel zum Glück besitzt.“

Peter Høeg, Fräulein Smillas Gespür für Schnee

zitiert #5

"...das also ist Schicksal, dachte sie, diese niederträchtige Verkettung von Zufällen; sie war empört wie über einen krassen Fall von Ungerechtigkeit."

Brigitte Reimann, Franziska Linkerhand

Samstag, 7. Juni 2008

zitiert #4

"Tickende Uhren im Zimmer machen mich krank. Sie zerhacken die Zeit, jedes Zeitstückchen fällt einzeln in den Raum: ein weißes, ein schwarzes - eine gute, eine schlimme Minute..."

Brigitte Reimann: Das Mädchen auf der Lotosblume

Mittwoch, 14. Mai 2008

zitiert #3

"daß die Hochgeehrten und Vielpublizierten früher oder später aufgefressen werden: unser Leben ist ja nichts anderes als eine unaufhörlich vibrierende unansehnliche Masse, die sich in wunderbaren Farben ausdrückt: Morgen und Abend, Tag und Nacht,"

Wortfetzen, Gedankenflusen, unfertig, aneinandergereiht ohne Punkt, doch nie ohne Komma - das Sein endet schließlich erst mit dem finalen Satzzeichen.

Thomas Bernhard: In der Höhe Rettungsversuch Unsinn

Sonntag, 11. Mai 2008

zitiert #2

"Neue Weisheit: Frei sein kann nur, wer allein sein kann. Heute ist Sonntag. Warum können die Menschen am Sonntag am wenigsten allein sein? Warum passieren die meisten Selbstmorde am Sonntag und außerdem, mit einem besonders deutlichen Höhepunkt, an Weihnachten? Die Sozialnormen schaffen für diese Zeiten eine moralische Pflicht mit anderen zusammen zu sein, und wer die Pflicht nicht erfüllen kann, fühlt sich unglücklich. Einige bringen sich um."

Peter Noll: Diktate über Sterben und Tod

Freitag, 2. Mai 2008

zitiert #1

"Es ist offensichtlich unmöglich, in der Gegenwart zu leben. Der Gehirncomputer hat dafür keine Registratur. Dass man nur in der Vergangenheit und in der Zukunft lebt, in den Erinnerungen und in den Hoffnungen, im Geschaffenen und im Geplanten, beruht auf einem jener merkwürdigen Gesetze der menschlichen Psyche."

Peter Noll: Diktate über Sterben und Tod

Dienstag, 18. März 2008

literarische doppelganger

Zur Drogeriekassiererin: "Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Ihre Ähnlichkeit mit Sigrid Löffler auffallend unbestreitbar ist?"

- "Bitte? Ähnlichkeit mit wem?"

"Schon gut. Ich hätte gern noch eine Packung von diesen orangefarbenen Zahnpflegekaugummies."

Montag, 3. März 2008

feuchtgebiete

Ich lese eigentlich keine Mädchenbücher - von Mädchen für Mädchen. Schon gar keine, die so pink sind wie dieses.

Doch das hier ist anders.

"Diese Sache mit der Analinkontinenz macht mir Sorgen. Lieber nicht vorhandener Gott, wenn ich hier rauskomme, ohne anal inkontinent zu sein, höre ich auch auf mit den ganzen Sachen, die mir sowieso ein schlechtes Gewissen bereiten. Dieses eine Spiel, bei dem meine Freundin Corinna und ich total besoffen durch die Stadt laufen und allen Brillenträgern im Vorbeilaufen die Brille von der Nase grapschen, einmal durchbrechen und dann in die Ecke pfeffern."

Charlotte ist ein Mädchen. Und sie schreibt über Helen, die auch ein Mädchen ist. Helen und ihr Blumenkohl. Helen und ihre Muschi.

Ich mag Charlotte, weil sie so herrlich charmant und herrlich unverblümt Dinge erzählt, die eigentlich keiner hören will. ("Mein Sexandenkenkaubonbon.")
Und weil sie Herrn Willemsen so schmeichelhaft zweifelhaft verliebt machen kann, indem sie so ist, wie sie ist.
("Radikal, drastisch und ebenso zart. Ich erinnere mich nicht, ein Debüt-Manuskript in der Hand gehabt zu haben, so sicher, so mutig und so voller Gegenwart wie dieses.")

Liebe Frau Roche, Literatur geht anders. Doch habe ich sehr gelacht.

Danke dafür.

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